Dieter Hallervorden zum 80. Geburtstag

Geboren wird Dieter Hallervorden am 5. September 1935 in Dessau, dort macht er auch Abitur mit 17 Jahren. Dann studiert er an der Humboldt Uni im sogenannten „demokratischen Sektor“ von Berlin Romanistik. Der Wechsel, kurz vor dem Bau der Mauer, nach West Berlin an die Freie Universität: dort Romanistik und Publizistik studiert bis zum Doktorandenseminar. Dann die Lust zur Schauspielerei entdeckt, erst mal durch die Aufnahmeprüfung gefallen, dann doch die Schauspielprüfung gemacht und das Studium abgebrochen – gleichzeitig das Kabarett „Die Wühlmäuse“ gegründet, mit 25 Jahren.

Das lag insofern nahe, weil ich ja an sich Auslandskorrespondent werden wollte und hier im Kabarett hatte ich die Möglichkeit, sowohl zu schreiben, als auch politische Meinung zu vertreten – und zu spielen“ erinnert sich Hallervorden.

Dieter Hallervorden ist ein Phänomen – in vielerlei Hinsicht. Während der Mann seinen 80. Geburtstag begeht, ist sein jüngster Sohn noch nicht einmal volljährig; er leitet zwei Theater und feiert vor der Kamera ein Comeback, das es so im Deutschen Film wahrscheinlich nicht gegeben hat. Und noch nie in seinem Leben gingen kommerzieller Erfolg und das Lob der Kritiker derart Hand in Hand wie in den letzten Jahren. Denn obwohl er schon vor Jahrzehnten allerlei Fernsehpreise erhielt, war der Deutsche Filmpreis, den er 2014 für seine Rolle als alternder Marathon-Läufer Paul Averhoff in „Sein letztes Rennen“ gewann, die höchste Auszeichnung seiner Karriere.

Für mich bedeutet der Preis eine große Genugtuung. Er ist eine saftige Ohrfeige für all jene Möchtegern-Kritiker, die mich als Komödianten jahrzehntelang abgewatscht haben, weil sie nicht erkennen konnten, wie viel Begabung dazu gehört, etwas Schweres leicht darzustellen.“

Hallervorden sagt von sich, er habe viele Schwächen, aber einen sehr, sehr starken Willen. Und einen langen Atem: ein bestimmtes Ziel verfolge er auch sehr hartnäckig… Und das hat sich ja da und dort, beruflich jedenfalls, als richtig erwiesen.

Die Anfänge: Gründung der „Wühlmäuse“

Rückblick: Ende der 50er Jahre bewirbt sich Dieter Hallervorden beim damals schon etablierten Berliner Kabarett „Die Stachelschweine“ – wird aber nicht angenommen. So gründet er 1960 sein eigenes Ensemble: „Die Wühlmäuse“!

Die Wühlmäuse wären nie entstanden, wenn die mich damals bei den Stachelschweinen genommen hätten. Da war ich 25, also ein absoluter Nobody. Und das gegen die starken Stachelschweine durchzuziehen, das war damals sehr schwer. Da haben wir anderthalb Jahre vor im Schnitt 17, 18 Leuten pro Abend gespielt…

Die Gründungsmitglieder an seiner Seite sind u.a. Wilfried Herbst und Rotraut Schindler, die er von der Schauspielschule her kennt. Als Spielstätte dienen den „Wühlmäusen“ die Räumlichkeiten der ehemaligen „Scala“, eine der bedeutendsten deutschen Varietee-Bühnen zwischen 1920 und 1944.

Nach beschwerlichem Start sind Hallervordens „Wühlmäuse“ auch fürs Fernsehen interessant: Anlässlich der Funkausstellung 1963 beauftragt die ARD das Ensemble, ein funk- und fernsehbezogenes Programm auf die Beine zu stellen. Dieter Hallervorden nimmt den Auftrag gerne an, wobei sich einige Fernsehvertreter über das Ergebnis nicht gerade amüsieren.

Wir haben gemeint, nicht nur das Medium als solches zum Thema zu nehmen, sondern auch Leute, die meinungsmachend tätig waren. Da waren Leute dabei, die schon Meinung machten, als noch die braune Diktatur in Deutschland herrschte. Und wir haben das benannt und haben das Ross und Reiter genannt. Das ging damals noch um Leute, die beim SFB tätig waren. Dann kamen eben Vertreter des SFB bis hin zum Justiziar, die verlangten, dass wir diese Szene rausnehmen sollten aus dem Programm.

Das geschieht nicht und führt dazu, dass Hallervorden über 5,6 Jahre hinweg in keinem Rundfunk- und Fernsehsender beschäftigt wurde. Aber er spielt weiter politisches Kabarett bei seinen „Wühlmäusen“. Schließlich war Hallervorden nicht aus der DDR geflohen, um sich in West-Berlin einen Maulkorb verpassen zu lassen.

Und noch etwas Neues passiert. Der Autor und Regisseur Ralf Gregan, mit dem Hallervorden zusammen arbeitet, erkennt, dass der Theaterleiter nicht nur ein ernsthafter Kabarettist ist. „Es gab es immer die sogenannte Pausennummer. Die Pausennummer musste immer komisch sein. Damit man die Leute lachend in die Pause entlässt. Und dann habe ich immer zu ihm gesagt: Weißt Du, Dieter, du bist eigentlich der geborene Komiker. Und da war er ziemlich sauer, weil er sagte: ‚Nur weil ich so aussehe.‘ Er war überhaupt nicht interessiert daran, als Komiker abgestempelt zu sein.

TV Erfolge und musikalische Parodien

In den 1970er Jahren findet Dieter Hallervorden dann doch sein neues Zuhause im Fernsehen. Denn dort erfindet sich der Schauspieler neu, wird Fernsehstar und Clown „Didi“, eine Art Schildbürger mit derbem Humor und ausgeprägter Mimik.

„’Didi‘ ist durch einen absoluten Zufall entstanden. Als ich dieses „Nonstop Nonsens“ Programm bei den „Wühlmäusen“ machte, die erste Fassung hieß „Da kichert die Klamotte“, das war nur gedacht als Erholung vom politisch, satirischen Kabarett, wo man ständig aktualisieren muss, jeden Tag 5 Zeitungen lesen und jeden Tag neue Texte bearbeiten muss. Und wir hatten gedacht: Ach, wir spielen das so Freitag, Samstag nachts einfach als Erholung, um lustig auf den Pudding zu hauen. Und es entwickelte sich ein Riesenerfolg daraus.

Eine weitere Erfolgslawine tritt Hallervorden mit seinen musikalischen Parodien los. Mit Helga Feddersen singt er 1978 z.B. „Du, die Wanne ist voll“. Das Duett erklimmt damit sogar den vierten Platz der Hitparade. Und das ist nur ein Erfolg unter vielen. Etliche Alben bringt Hallervorden zwischen 1976 und 1984 heraus. Die meisten davon mit Bezug auf seine Didi-Rolle. Mit Titeln wie „Ich bin der schönste Mann in unserer Mietskaserne“ oder „Ich bin der schönste Mann“.

Nach 20 Jahren im Dienste der Klamotte reduziert Dieter Hallervorden dann ab Anfang der 90er Jahre seine „Didi“ Aktivitäten mehr und mehr. Er wendet sich wieder seinen kabarettistischen Wurzeln zu. Allerdings als Solist: Für Sat1 produziert er die „Spottschau“, mit ihm in politischen Sketchen – und auch gern in Verkleidung, zum Vergnügen des Publikums. Bei der ARD etabliert er dann ab 1994 die Kabarettsendung „Spott – Light“, zur besten Sendezeit und mit tollen Quoten: Der Wechsel zurück zum Kabarettisten ist geschafft! Aufgezeichnet wurden die Sendungen in Hallervordens Kabarett – Theater „Die Wühlmäuse“, fast 10 Jahre lang läuft diese Serie in etlichen Staffeln und wird oft wiederholt. Noch heute sind die „Wühlmäuse“ am Theodor Heuss Platz eine Gast – Spielstätte für Kabarettisten und Comedians.

Engagement für den Nachwuchs und das Berliner Schlosspark Theater

Darüber hinaus kümmert sich Dieter Hallervorden auch um den Nachwuchs. Auch wenn es „Die Wühlmäuse“ als Kabarett-Ensemble schon lange nicht mehr gibt, als Kabarett-Bühne existiert das Theater am Theodor-Heuss-Platz nach wie vor. Und dort findet seit 2001 auch „Das große Kleinkunstfestival“ statt. Einmal im Jahr treten meist noch nicht so bekannte Kabarettisten im Mix mit etablierten Kollegen an.

Als wäre das nicht genug übernimmt Hallervorden 2008 das Steglitzer Schlosspark Theater, saniert es auf eigene Kosten. Vielleicht auch, weil er speziell dort als junger Schauspielschüler oft selbst im Zuschauerraum saß. Von Anfang an hat er ein klares Konzept vor Augen: „Die wichtigste Säule ist für mich der Zuschauer, für den mache ich Theater. Und wir haben auch versucht ein Motto für den Spielplan zu finden, das Motto heißt ‚Geist mit Humor‘.

Zudem sorgt Hallervorden von Anfang an dafür, dass sich die Kosten der Spielstätte im Rahmen halten: Er verzichtet auf ein festes Ensemble, sondern setzt auf Freunde und gute Kollegen, mit denen er gern und regelmäßig zusammenarbeitet, seien es Schauspieler oder Regisseure. Immer wieder setzt Hallervorden auf prominente Namen, die, unabhängig von den Stücken selbst, das Publikum anziehen: Robert Atzorn, Charles Brauer, Hannelore Hoger oder Jörg Schüttauf. Und natürlich immer wieder auch der Chef selbst. In „Der Bürger als Edelmann“, von Moliére aus dem 17. Jahrhundert, spielt er nicht nur die Hauptrolle, sondern indirekt auch ein wenig sich selbst. Das Konzept geht auf.

Sprung auf die Leinwand

Und dann der Kinohit der vergangenen Saison „Honig im Kopf“…

„Es ist ja so, dass ich glücklicherweise mit dem Film „Sein letztes Rennen“ noch mal die Chance bekommen habe, zu beweisen, dass ich andere Dinge kann als leichte Unterhaltung oder Komödie oder satirisches Kabarett. Und daraus hat sich „Honig im Kopf“ ergeben. Also dieser Film von Til Schweiger mit 7 Millionen Zuschauern. Das ist noch mal die Möglichkeit, den Leuten zu zeigen, dass ich mit ganz anderen Mitteln arbeiten kann. Das sind ja richtige Charakterrollen. Die verlangen ganz andere berufliche Voraussetzungen.

Zukunftspläne

Eigentlich könnte es jetzt für Dieter Hallervorden immer so weiter gehen. Denn was sollte er auch sonst tun?

Also dieser Beruf als Schauspieler ist bei mir einem Hobby entsprungen, und ich spiele wirklich gerne auf der Bühne. Ich bin mir bewusst, dass das Theater ja die Keimzelle unseres Berufes ist, und dass ich da spielen darf, dass ich mich in dem hohen Alter noch mehr als drei, vier Leute auf der Bühne sehen wollen und ich dafür sogar noch Geld bekommen könnte, wenn ich es denn annähme, das verwundert mich und erfüllt mich jeden Tag, wenn ich spiele, mit neuer Lebensfreude.

Von Müdigkeit, nur weil er gerade mal 80 wird, kann bei Dieter Hallervorden also überhaupt nicht die Rede sein. Getreu seinem Lebensmott „Ich will und ich kann“ sei ihm noch viel Kraft gewünscht seine Ziele zu verwirklichen.

Ich möchte schon gerne, dass die Wühlmäuse und das Schlosspark Theater unabhängig von meiner Person als kulturelle Institutionen für Berlin erhalten bleiben. Dafür habe ich vorgesorgt.

von Götz Gerson