„Facing Europe- im Blick auf Europa“: Presseball 1995

Erinnern Sie sich noch an meinen ersten Bericht? Es ging um die erste Ost-Westberliner Ballzeitung, produziert vom Tagesspiegel mit neun ostdeutschen Journalisten. Aus dieser Initiative wurde zwischen dem Veranstalter des Presse- und Funk-Balls, dem Journalisten-Verband Berlin und meiner Agentur eine Organisation für die nächsten Pressebälle: 1992 Ungarn „Das Ziel ist Europa“, 1993 Tschechien „Wir in Europa“ und 1994 Polen „Ein Europa guter Nachbarn“, die immer am zweiten Samstag im Januar stattfanden. Mittlerweile ist der Presse- und Funk-Ball leider aus der Berliner Gesellschaft verschwunden und der Bundespresseball hat seinen Platz eingenommen.

Heute erzähle ich Ihnen, wie ich zum Auftrag der Organisation des Presse-und Funk-Balls „Israel“ gekommen bin, der ein ganz besonderer Ball war.

Unter dem Motto „Facing Europe – im Blick auf Europa“ waren im Jahr 1995 rund 170 israelische Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kunst, Kultur, Gastronomie und Journalismus nach Berlin gekommen, um mit den Berlinern den Ball der Bälle zu feiern.

Aber wie wurde der Presse-und Funk-Ball organisiert? Zwischen 4000 bis 5000 Ballgäste ins ICC einladen, ein Gastland auswählen und für die Idee begeistern, über 10 Stunden den nationalen und internationalen Gästen auf drei Ebenen ein tolles Programm bieten sowie die prominenten Gäste des Gastlands in den deutschen Medien präsentieren? In der Theorie eines Veranstalters ganz einfach: ein Jahr Planung, ein Jahr Umsetzung und anschließend die Auswertung. So einfach, oder?

Der Presseball „ Facing Europe – im Blick auf Europa“ mit dem Gastland Israel brachte alles durcheinander. Die Planung begann zwar sofort nach dem Presseball „Polen“, aber irgendetwas hatte wohl nicht geklappt? Ich wurde Ende November 1994 vom Journalisten-Verband zu einem Gespräch eingeladen. Thema: Presseball und das Gastland Israel, Januar 1995. In diesem Gespräch wurde ich über den Stand der Vorbereitungen informiert und gefragt, was man in der Kürze der Zeit machen kann, um die Gäste aus Israel zum Ball nach Berlin einzuladen. Meine Antwort, ohne zu ahnen, welche Konsequenzen dies hatte, war: „Sie müssen das direkt in Israel organisieren“.

Bereits zwei Tage später war ich im Generalkonsulat des Staates Israel in Berlin, um mich über das Leben in Israel informieren zu lassen. Ich hatte nach meinen Leben in der ehemaligen DDR weder Kenntnisse von diesem Land noch sprach ich Englisch oder Hebräisch. Aber das Ungewöhnliche und die Herausforderung, das Gastland von einer Teilnahme am Europäischen Presse- und Funk-Ball in Berlin zu überzeugen und in nur wenigen Wochen zu organisieren, reizte mich sehr und ich stellte mich den Anforderungen. Es begann ein reger Schriftverkehr und ich bereitete meine erste Reise nach Israel vor.

Am 10.12. bis 13.12.1994 war es dann soweit, ich flog mit der ELAL von Frankfurt nach Tel Aviv und begann vor Ort die Wünsche des Veranstalters an einem Presse- und Funk-Ball in Berlin umzusetzen. Gespräche mit der israelischen Gastronomie, mit Künstlergruppen und Gästen, die Israel in Berlin repräsentieren. Meine erste Anlaufstelle war auch die Deutsche Botschaft in Tel Aviv und hier erlebte ich eine große Überraschung. Ich traf ein vertrautes Gesicht: Der ehemalige Leiter der Deutschen Botschaft in Warschau, Dr. Franz Bertele, arbeitete nun als Botschafter in Israel. Mit ihm hatte ich bereits beim Presseball unter dem Motto: Polen „Ein Europa guter Nachbarn“ 1994 hervorragend zusammen gearbeitet. Er unterstütze die Idee des Balls und half, wo er konnte.

Meine Wege führten mich von Tel Aviv nach Jerusalem und Bethlehem. Ich besuchte Teddy Kollek, traf mich mit Künstlern, Musikern, Hotelmanagern und politischen Entscheidungsträgern und das alles in nur wenigen Tagen. Aus der heutigen Sicht bereue ich es, dass ich keinen Fotoapparat dabei hatte, denn neben den organisatorischen Aufgaben hatte ich noch etwas Zeit, die Geschichte Israels vor Ort kennenzulernen. Ich hatte ja keine Ahnung, was mich in diesem Land erwartete und war von der Hilfsbereitschaft, Freundlichkeit und Unterstützung sehr angetan.

Vom 27.12. bis 29. Dezember 1994 reiste ich das 2.Mal nach Israel. Es waren ja nur noch wenige Tage bis zum großen gesellschaftlichen Ereignis in Berlin und es mussten Verträge abgeschlossen werden, unter anderem für einen Sonderflug mit der ELAL Israel Airlines (damals noch eine staatliche Fluggesellschaft) für den Hinflug am 12. Januar und den Rückflug am 15. Januar 1995. Insgesamt kamen 169 Gäste aus Israel nach Berlin und sie brachten jede Menge persönliche Wünsche mit.

Die Kommunikation im Gastland war überwältigend. Sagte ein bestätigter Gast aus irgendeinem Grund ab, meldete sich schon ein anderer, der zum Presseball nach Berlin wollte. Egal ob aus Haifa, Tel Aviv, Jerusalem oder einem anderem Ort in Israel.

Der Presse- und Funk-Ball im ICC Berlin war eine organisatorische Herausforderung. Es gab hohe Sicherheitsanforderungen, besondere Programmwünsche der Gäste und der Journalisten. In den Tagen des Berlinbesuches wurden Stadtrundfahrten, politische Gespräche, Interviews mit den deutschen Medien bis hin zur Suche nach gastronomischen Einrichtungen mit koscherem Speisen organisiert. Das alles wäre ohne eine vertraute Mannschaft nicht möglich gewesen.

Aber der Europäische Presse-und Funk-Ball am 14. Januar 1995 mit dem Gastland Israel und dem deutschen Botschafter Dr. Bertele fand statt. Im Mittelpunkt stand an diesem Abend Israel in den Facetten: touristisch, folkloristisch, klassisch, modern, gastronomisch und politisch. Damals sehr bedeutend waren die Live-Übertragungen der Fernsehstationen, speziell vom SFB mit über einer Stunde Live-Berichterstattung.

4000 Ballgäste strömten ins ICC. In besonderer Erinnerung bleibt für mich das Anstehen an den Lostrommeln. Es gab an 10 Losstationen insgesamt 30.000 Lose, aber nur 10 Stück pro Person und das auf einen Anrechtsschein. Binnen zwei Stunden waren die Lose verkauft, heute bei einer Tombola unvorstellbar. Es hatte sich ja auch gelohnt. Es gab 25 Prämien, darunter ein Audi A4 (41.040 DM), Ford Mondeo GLX (40.840 DM), VW Polo 55 Interlagos (26.600 DM), das traditionelle BMW Motorrad K 110 LT (29.000 DM) und weitere schöne und teure Preise, die auf die 27.000 Nieten gezogen wurden. 3.000 Sofortgewinne von Reisen, über Goldbarren bis hin zu Warengutscheinen, waren der Lohn für das Anstehen. Zusätzlich wurden den Gästen beim Verlassen des Presse- und Funk-Balls 4000 Ballspenden, Damen-, Herren- und Junioren-Ballspenden übergeben. So war zum Beispiel in der Damenspende: ein Lederrucksack, ein Kosmetik-Set, eine CD „Haydn und das 20. Jahrhundert“, ein Buch „Erfolg ist kein Zufall“ und ein ADAC-Straßenatlas 95. Eine nette Geste der Sponsoren.

Kulturell ging es auf den drei Etagen des ICC heiß her. Das Jugend Mandolinen Orchester Rosh Ha Ayin, bestehend aus 12 jeminitischen Mädchen, Hashagririm (Die Botschafter) mit Yaakov Eliezerov, oder die Gruppe The Promenade, um nur einige musikalische Beispiele zu nennen. Eröffnet wurde der Ball durch die Sängerin Hava Alberstein und um Mitternacht trat der Topstar Al Martino mit der Big Band des Deutschen Film-Orchester Babelsberg unter Leitung von Martin Hoffmann auf. Gastronomisch war die Dan-Hotelgruppe auf dem höchsten Niveau und auch wenn der eine oder andere über die Preise schmunzelte, der Gast konnte mit der Bezahlung der Speisen selbst dafür sorgen, was er verkonsumierte. Erst beim Presse-und Funk-Ball 2001 war das Essen im Eintrittspreis inklusive. So wurde bis 5 Uhr morgens ausgiebig geplaudert und gefeiert.

Unter den Gästen aus Israel waren unter anderem:
– Dan Tichon, Vize Präsident der Knesseth
– Ehud Olmert, Bürgermeister von Jerusalem
– Roni Milo, Bürgermeister von Tel Aviv
– Samuel Federmann, Präsident intern. Hotels Association
– Ami Hirschstein, Präsident Dan-Hotels Israelv

Nach dem Ball ging es gleich am Sonntag für die israelischen Gäste wieder zurück in die Heimat und ich brachte die Gäste persönlich zurück zum Flughafen Berlin-Schönefeld. Die jungen Mädchen des Mandolinen Orchester Rosh Ha Ayin beteten zum Abschied für mich und überreichten mir einen Schlüsselanhänger, der heute noch seinen Platz bei meiner Familie gefunden hat. Ich jedenfalls war nach dem Abschied am 15. Januar 1995 von den jüdischen Gästen emotional angetan und ich glaube, auch die damals anwesenden 4000 Ballgäste werden den Ball der Bälle nicht vergessen haben.

Auch in den Medien fand der Presse-und Funk-Ball 1995 ein großes Echo. Die Berliner Morgenpost war die Ballzeitung und diverse Zeitungen und Zeitschriften berichteten ausführlich (mit einer Gesamtauflage von 16,5 Millionen) über den Ball und seine Gäste.

von Ralf Rachfahl