Gyula Horn: meine Begegnungen mit einer wahren Persönlichkeit

Seit Wochen gibt es zum Thema „25 Jahre Grenzöffnung in Ungarn“ und „25 Jahre Mauerfall in Deutschland“ eine Vielzahl von öffentlichen Diskussionen und Festveranstaltungen. So auch am 20. September 2014 im Garten der Villa Schöningen, direkt an der Glienicker Brücke in Potsdam.

Der Botschafter von Ungarn, S.E. Dr. József Czukor, hatte zum Festakt mit Podiumsgespräch eingeladen. 200 Gäste folgten dieser Einladung, wo unter anderem Hans-Dietrich Genscher, Bundesminister des Auswärtigen und Vizekanzler a.D., seine persönlichen Eindrücke schilderte als Gyula Horn, ungarischer Außenminister, am 27. Juni 1989 den Stacheldraht bei Sopron am Neusiedlersee durchschnitt und somit die Wende in Europa einleitete.

Während dieser Veranstaltung erinnerte ich mich an meine persönlichen Begegnungen mit Gyula Horn, die es ohne seine Grenzöffnung nie gegeben hätte.

Im Oktober 1991 erhielt ich vom Journalisten-Verband-Berlin e.V, Veranstalter des Presse- und Funk-Balls Berlin, die Aufgabe, Ungarn als Gastland zu gewinnen. Dieses damalige größte gesellschaftliche Ereignis im ICC Berlin besuchten am 11. Januar 1992 über 5000 Ballgäste. Im Mittelpunkt des Gastlandes stand Gyula Horn, Minister a.D. und amtierender Vorsitzender des Ausschusses für Auswärtige Angelegenheiten. Vom 9. bis 12. Januar 1992 war Horn Gast des Journalisten-Verbandes Berlin e.V.. Während seines gesamten Aufenthaltes in Berlin begleitete ich Horn zum Empfang des Regierenden Bürgermeisters Eberhard Diepgen, zum stellv. Vorsitzenden der SPD-Bundestagsfraktion Wolfgang Thierse, zum Jahresempfang der IHK, wir besuchten die Olympia-Party im Hotel Steigenberger und zum Schluss den Presse-und Funk-Ball Berlin im ICC. Hier begann für mich eine bis dahin ungekannte sehr herzliche und freundschaftliche Beziehung.

Meine PR-Agentur zog im Mai 1992 in neue Büroräume in die Chausseestraße. Die Ausrichtung der Agentur war klar: „Kompetenz Osteuropa“ und das sollte den deutschen PR-Agenturen und bereits vorhandenen Kunden mit einem Empfang demonstriert werden. Mein Ehrengast, Gyula Horn, folgte der Einladung. Zahlreiche Gäste aus der Bundesrepublik und aus Berlin besuchten meine Veranstaltung und versuchten die Gelegenheit zu nutzen, meinen prominenten Gast abzuwerben, ohne Erfolg. Eine Geste, die ich bis heute nicht hoch genug einschätzen kann und auch nie wieder erlebt habe.

Am 13. September 1994 organisierte ich eine Wirtschaftsdelegation mittelständischer Unternehmen aus Deutschland nach Budapest. Auch hier gab es neben zahlreichen ungarischen Gesprächspartnern ein Treffen mit Gyula Horn im ungarischen Parlament.

Im April 1996 wurde ich von der Ruhrgas AG gebeten, einen persönlichen Termin für den Vorstand der Ruhrgas AG und dem Vorstand der VEW bei Gyula Horn herzustellen. Neben diesem persönlichen Treffen im ungarischen Parlament zum Thema „Hauptstädtische Gaswerke FÖGÁZ“, organisierte ich zusätzlich eine Journalistenreise ins ungarische Parlament. Geplant waren max. 10 Journalisten, daraus wurden über 30 Journalisten. Horn, der eigentlich sein Büro zu Verfügung stellen wollte, reagierte überraschend positiv und sagte allen Journalisten zu. Wieder eine herzliche und unerwartete Geste eines Ministerpräsidenten.

Die VAW Aluminium AG bat mich, 1997 Gespräche mit dem ungarischen Ministerpräsidenten und dem ungarischen Wirtschaftsminister zu organisieren und das wenige Wochen vor dem Aluminium Anstich (Werköffnung) am 29. August 1997 in Györ Ungarn. Auch hier kam es zu einer unbürokratischen und schnellen Terminverständigung.

Danach folgten noch einige Treffen mit Gyula Horn im Parlament oder bei seinem Besuch in Brandenburg beim Ministerpräsidenten Manfred Stolpe.

Im Mai 1994 hatte Gyula Horn einen schweren Verkehrsunfall mit schweren Verletzungen an Kopf und Halswirbel. Seit dieser Zeit musste Horn ein Stützkorsett tragen, um ihn vor einer Querschnittslähmung zu schützen. Auch hier, unter diesen extremen Bedingungen, erlaubte er mir einen privaten Besuch, der bis heute bei mir in ewiger Erinnerung und Dankbarkeit bleibt.

Unser letztes persönliches Treffen fand am 22. September 2004 in Berlin statt. Horn erhielt für seinen Mut und Zivilcourage den Medienpreis „Die Goldene Henne“. Am 19. Juni 2013 starb Gyula Horn und ich verlor einen ehrlichen und warmherzigen Menschen.

von Ralf Rachfahl