Presse- und Funkball Berlin 1990: Eine Ost-Westberliner Geschichte

Wer erinnert sich heute noch an den Fall der Berliner Mauer oder an die Wiedervereinigung? Wenn ich mich mit jungen Menschen unterhalte, so wissen sie kaum noch, dass zwischen dem Mauerfall und der Wiedervereinigung fast ein ganzes Jahr lag. Viele saßen vor dem Fernseher als am 9. November 1989 gegen 19.00 Uhr Günter Schabowski am Ende einer Pressekonferenz beiläufig mit dem Satz: „Die Genehmigungen von Privatreisen ins Ausland würden kurzfristig erteilt; diese Regelung gelte nach seiner Kenntnis, ‚sofort, unverzüglich’“ das Ende der DDR einläutete. Ich habe mit meiner Familie diese Worte gehört, aber geglaubt haben wir sie nicht. Am nächsten Morgen wurden wir von den Nachrichten überrascht. Der Ansturm auf die Berliner Mauer war im vollen Gange.

Die erste Geschichte begann wenige Tage nach dem Mauerfall, zu einer Zeit, als ich im Journalisten Verband der DDR (VDJ) verantwortlich für Planung/Koordinierung war und zusätzlich die Leitung des Verbindungsbüros VDJ-Interpress Budapest übernahm. Wie sich später herausstellen sollte, eine meiner ersten Aufgaben als zukünftiger PR-Agentur-Chef.

Durch meine Arbeit für Interpress Budapest musste ich öfter dienstlich nach Westberlin reisen und so wurde ich auch durch einen Zufall vom Geschäftsführer des Journalisten Verbandes Westberlin (JVB) zu einem Gespräch in den Berliner Presseclub am Kurfürstendamm eingeladen. Der Presseclub wurde zu dieser Zeit vom Steigenberger Hotel bewirtschaftet, wo man in Ruhe Gespräche führen konnte. Mehrere Stunden plauderten wir über unsere Arbeit in den Verbänden, die DDR Geschichte und natürlich auch über mein Leben in der DDR. Im Anschluss fragte mich der Geschäftsführer, ob ich mir vorstellen könnte, zehn ostdeutsche Journalisten auszusuchen, die am 13. Januar 1990 am Berliner Presseball teilnehmen würden. Ziel war es, mit dem Tagesspiegel eine gemeinsame Presseballzeitung zu erstellen. Ich fand diese Idee prima und war so begeistert, dass ich gleich zusagte, ohne zu ahnen, welche Probleme sich daraus entwickeln könnten. Waren zwar die Grenzen nach Westberlin offen, aber die DDR mit ihren Gesetzen existierte noch.

Der Vorsitzende des Journalistenverbandes der DDR war weder begeistert, noch erfreut. Der Journalisten-Verband der DDR unterstand direkt dem Zentralkomitee der SED (ZK) und jede ausländische Aktivität musste mit der Abteilung Agitation und Propaganda abgeklärt werden. Westberlin zählte zu dieser Zeit noch zum kapitalistischen Ausland und ohne Absegnung des ZK war es völlig unmöglich, Journalisten aus den ostdeutschen Tageszeitungen einfach so nach Westberlin zum Arbeiten zu entsenden. Schließlich war der Westberliner Presseball ein großes gesellschaftliches Ereignis. Im Journalistenverband der DDR gab es Strukturen, die nicht umgangen werden konnten. Es gab den Vorsitzenden, die Sekretäre, die Abteilungsleiter im Zentralvorstand und die Bezirksvorsitzenden. Die Verantwortung lag eigentlich bei dem „Sekretär internationale Beziehungen“.

Doch ich hatte dem Geschäftsführer des JVB in Westberlin mein Wort gegeben! Wie auch immer, ich zog die Geschichte durch und machte mich auf die Suche nach geeigneten Journalisten. Heute hört sich das alles unverständlich an, aber damals war das nicht so einfach und ohne Glück hätte es eine erste gemeinsame Ballzeitung nicht gegeben. Später erfuhr ich, dass Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Westberlin die Einladung des Journalistenverbandes an Erhard Krack, Oberbürgermeister von Ostberlin unterstützte und somit diese Angelegenheit positiv beeinflusste.

Aber es gab noch weitere Probleme. Der Berliner Presseball war in Westberlin, also im „Ausland“, und mit hoher politischer Beteiligung wie z.B. Helmut Kohl, Bundeskanzler der BRD oder Richard von Weizsäcker, Bundespräsident der BRD. Der Berliner Presseball war zu dieser Zeit das größte gesellschaftliche Ereignis am Anfang eines jeden Jahres. Aus diesem Grund bewarben sich Unternehmen und Personen aus der westdeutschen Bevölkerung beim Journalistenverband Berlin-West um die begehrten Ballkarten. Wer sollte dort von den ostdeutschen Medien teilnehmen, wer verfügte über einen Smoking und welche Verkehrsmittel zum ICC sollten genommen werden? Zu einem vergleichbaren Ereignis in der DDR mit Erich Honecker oder Politbüromitglieder wäre eine Teilnahme von normalen Journalisten undenkbar gewesen und jetzt diese Möglichkeit!

Es wurde mir also empfohlen, fünf Auslandskorrespondenten und fünf Kulturredakteure zu suchen und dem Zentralvorstand vorzuschlagen. Zum Schluss hatte ich neun Journalistinnen und Journalisten für den 13. Januar 1990 gefunden und jeder reiste nach Westberlin selbständig an. Treffpunkt war das Internationale Congress Centrum Berlin (ICC), oder wie die Bevölkerung es heute noch nennt, das Raumschiff. Wir waren alle aufgeregt. Die Männer hatten sich einen Smoking besorgt und die Frauen trugen ein Abendkleid. Schließlich wollten wir bei dieser exklusiven Veranstaltung nicht auffallen. Die Abendgarderobe der Ballgäste war schon für mich überwältigend.

Das Ballgeschehen war mit keiner Veranstaltung in der DDR vergleichbar. Im ICC ging die Veranstaltung über drei Etagen mit über 5000 Ballgästen. Eine Tombola mit Preisen von Idee Kaffee bis hin zu Autos waren im Eingangsbereich des ICC aufgebaut. Die Gäste standen für den Kauf der 30.000 Lose an, es sah aus, als wäre man im Osten, wo die Bevölkerung nach Bananen oder so genannter „Bückware“ anstand. Der Losverkauf, der für jeden Ballgast auf max. 10 Lose limitiert war, dauerte nur wenige Stunden. Kein Wunder, konnten sich doch die Ballgäste auf 3000 Gewinne freuen.

Ein tolles Programm auf allen Ebenen erwartete damals die Ballgäste. Im Eingangsfoyer spielten die Show-Band Musik-Service aus Leipzig und Three Diamonds aus Berlin. Das Mittelfoyer, zwischen „Nolle“-Biergarten und Schultheiss-Bar wurde beherrscht von dem Show Orchester The Right Idea, Clark-Brothers, Max Raabe und der Hartmut-Kupka-Band mit den Solisten Bernhard Brink, Stefanie Simon und Bert Beel. Dort, wo die Prominenz versammelt war, im großen Ballsaal, spielte das Rundfunktanzorchester Berlin unter Leitung von Martin Hoffmann, das Südfunk-Orchester mit Prof. Erwin Lehn und der Streichergruppe Hans-Georg Arlt. Auf den Tischen lagen eine Auswahl an Zigaretten der Philip-Morris GmbH und Feuerzeuge von Hundert,6. Auf der Tanzfläche wurden Helmut Kohl und Gattin, Walter Momper und Gattin, Walter Scheel und Gattin, Karl Dall, Wolfgang Völz, Friedrich Schönfelder und viele mehr gesehen.

Jeder Gast musste seine Speisen und Getränke im gesamten ICC selbst bezahlen. Die Verpflegung der arbeitenden Ballredakteure war zwar gesichert, aber die ostdeutschen Kollegen sollten nach getaner Arbeit sich auch bei diesem gesellschaftlichen Ereignis amüsieren. Der Journalistenverband übergab 50 DM als Voucher für die Journalisten aus der DDR als Bewegungsgeld, die auf allen Etagen des ICC eingesetzt werden konnten. Eine nette Geste, aber auch eine Art Bezahlung für den außergewöhnlichen Job.

Die Ballzeitung wurde um Mitternacht verteilt und die neun Journalisten aus Ostberlin hatten mit den Kolleginnen und Kollegen des Tagesspiegel bei der Produktion der Ballzeitung viel Spaß. Wie die einzelnen Beiträge es auch zeigen, jeder bewertete den Presseball anders. Am frühen Morgen wurden auch wir mit einer Ballspende verabschiedet. Die Damen erhielten: test-Jahrbuch 1990 der Stiftung Warentest, Shampoo und Pflege der Guhl Ikebana GmbH, Damenknirps der Öffentliche Versicherungsgruppe Berlin, Feuersozität Berlin, Öffentliche Lebensversicherung Berlin und einen Almanach. Die Herren freuten sich über: Profi-Heimwerken und Elektrowerkzeuge der Stiftung Warentest, Capuccino-Set Nestlé Deutschland, „Katerfrühstück Fischwirtschaftliches Marketing-Institut und einen Streifzug der Berliner Gastronomie DER TAGESSPIEGEL „Von Tisch zu Tisch“.

Einige der damaligen Journalistinnen und Journalisten, die sich getraut hatten eine solche Aufgabe zu übernehmen, sind heute noch im Journalismus aktiv. Dieses Ereignis war für mich, wie sich später zeigen wird, der Einstieg in die Selbständigkeit.
Aber das ist schon eine neue Geschichte.

Ich danke dem Tagespiegel, insbesondere Herrn Jan-Schulz Ojala. Er war als CVD für die Presseballzeitung 1990 verantwortlich und stellte mir freundlicherweise ein Belegexemplar zur Verfügung.
 
Hier finden Sie die Auszüge aus der Ballzeitung vom Tagesspiegel:

von Ralf Rachfahl