TEMPO TEMPO! Im Wettlauf mit der Zeit

Just in time – gerade zur (rechten) Zeit, pünktlich, auf die Minute genau! Darauf wird nicht nur in der (Auto)Industrie von der Herstellung bis zur termingerechten Auslieferung grundsätzlich Wert gelegt, sondern in unserem schnelllebigen Alltag nahezu in jedem Lebensbereich. Wenn der Wecker morgens klingelt, mahnt er sich zu beeilen. Mit einem Coffee-to-go beginnt der Spurt zur Arbeit, in der Bahn informiert das Smartphon, einen Facebook-Status posten oder mal eben die neuesten Twitter-Nachrichten checken. Alles just in time.

Dieser Hatz in historischen Ausmaßen widmet sich die Ausstellung „Tempo Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit“, die das Berliner Museum für Kommunikation unweit des Potsdamer Platzes in der Leipziger Straße seit dem 18. April offeriert. Sie bietet Tempo-Anhängern und generellen „Zeitgeistern“ bis zum 1. September diesen Jahres nachdenkenswerte Unterhaltung. Auf rund 500 Quadratmetern führen 250 Exponate vor Augen, wie sich das Zeitgefühl seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart gewandelt hat und sich von Denkmustern in Jahren, Monaten, Wochen und Tagen auf Minuten- und Sekundenaugenblicke minimiert hat. Zählte der laufende Bote zu den ersten Beschleunigern im Zeitgeschehen, folgten diesem der Postillion zu Pferde, die Postkutsche und die Bahn als immer flottere Transporteure von Nachrichten, Waren und Menschen. Heutzutage kommt das alles per Auto, Flugzeug in kürzester Frist oder per Internet sogar nahezu zeitgleich vom Versender zum Empfänger. Diese sprunghafte Entwicklung, in erster Linie erkennbar an der Verkürzung der Verkehrszeiten, zeichnet die Tempo-Tempo-Austellung nach in den drei Themenkomplexen wie „Immer schneller“, „Zeit ist Geld“ und „Allways on“.

Die Uhr wird dabei im ersten Komplex „Immer schneller“ zum unbestechlichen Kontroll- und Steuerungsinstrument. Noch im frühen Mittelalter war es nur der naturgegebene Tag-Nacht-Rhythmus, nachdem sich alles abspielte. Anschließend die vom Menschen geschaffene Sonnenuhr mit ihrem schattenwerfenden Zeiger.Dann rieselt als Chronometer feiner Sand durch gläserne Zipfelmützen. Nach jedem „Leerlauf“ musste diese Sanduhr von einem sogenannten Stundenwächter wieder auf den Kopf gestellt werden, um sie wieder in Gang zu setzen. Diesen Mechanismus praktiziert die heutige Eieruhr im gewünschten Drei-, Vier- oder Fünfminutentakt ganz munter weiter.

Vor dem 2. Weltkrieg konnte man den Regulator in der guten Stube auf die Minaute genau nach der Ankunft oder Abfahrt der Züge einstellen. Von dieser Pünktlichkeit kann (jedenfalls zur Zeit) keine Rede sein. Heute ist viel mehr Verlass auf den Wecker zu Hause oder die Armbanduhr für unterwegs. Die mechanische Uhr, ob von Hand aufgezogen oder per Chip in Gang gehalten, gehört zum Zeitregime zunehmender Beschleunigung nahezu allen Lebens. Spätestens mit der Industriealisierung wird „Zeit zu Geld“, wie der 2. Ausstellungsteil nachweist. Rationalisierung und Effizienzdenken bestimmen den Umgang von Mensch und Maschine. Was schnell ist, schafft Vorteile. Ganz simple Alltagsprodukte sind Zeugnisse dafür.

Eine nachgeahmte alte Telefondrehscheibe wird zur rotierenden Warenschau im entsprechenden Ausstellungsteil. Mit den Zusätzen „quick“ oder „fix“ bringt dieser Abschnitt in Erinnerung, wie Schnelligkeit gerade im zurückliegenden 20.Jahrhundert zum Verkaufsschlager geworden ist. Kugelschreiber statt Federkiel, tassengerechter Teebeutel statt einer großen Teebüchse, Reißverschluss statt Knopfleiste machen in kleinen Dingen deutlich, wie die „Zeitsparer“ aufs Tempo drücken. Sogar die Fünf-Minuten-Terrine und der Saubermacher FIT gehören dazu. Ganz zu schweigen von der Beschleunigung auf den jeweiligen Verkehrswegen in der Luft, auf Schienen und Straßen oder zu Wasser.

Dies alles bedacht, müsste jeder von uns rein rechnerisch immer mehr Freizeit verspüren. Die Tempo-Ausstellung vergisst jedoch nicht daran zu erinnern, dass der gewollte Zeitgewinn keineswegs nur Euphorie auslöst. Dazu sozusagen tagfrisch: Drei Viertel der Berufstätigen (77 Prozent) sind außerhalb ihrer regulären Arbeitszeit für Vorgesetzte, Kollegen oder Kunden heutzutage per Handy oder E-Mail rund um die Uhr erreichbar. Sich in einem Standby-Modus zu befinden, immer verfügbar zu sein, setzt den notwendigen Abstand zwischen Arbeit und Freizeit außer Kraft und kann den Stress befördern. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie des Hightech-Verbandes BITKOM im Zusammenhang mit einer Untersuchung zur „Arbeit in der digitalen Welt“. Daher wird ein überlegter Umgang mit Kommunikationsmitteln als flexiblen Tempo-Beschleunigern für unabdingbar gehalten. „Allways on“ mahnt somit auch auf eine bewusste „Entschleunigung“ an.

Während um 1900 die Diagnose des „nervösen Zeitalters“ in aller Munde war, beklagen heute nicht wenige den permanenten Zeitdruck und leiden unter „Burnout“. Mit dem Wellnes-Angebot verspricht ein ganzer Medicalzweig Ausspanne vom stressigen Alltag. Work-Life-Balance heisst die Zauberformel. Besser als diese „Medikamente“ dürfte jedoch ein gemeinsam angestrebtes  ausgewogenes Arbeitszeit/Freizeit-Verhältnis sein.

Wer ein wenig heil und folglich Anregungen zur Reduzierung von überzogener Hektik und Wege zum eigenverantwortlichen Umgang mit der Zeit sucht, der findet garantiert wohltuende und zugleich nachdenkliche Entspannung in der Ausstellung „Tempo Tempo! Im Wettlauf mit der Zeit“.

Einzelgängern wie Gruppen – zum Teil bei vorher angemeldeten (Tel.: 030 202 94 0) Führungen – ist bis 1. September jeweils von Dienstag bis Sonntag in der Regel ab 9 Uhr die Zeit gegeben zu erkunden, was unter TEMPO TEMPO die Stunde geschlagen hat.

von Werner B. Hoppe