Michael Gliss – der Kaffee-Sommelier mit einem Herz für Obdachlose

Michael Gliss betreibt mit seiner Frau Claudia den Kaffee-Feinkostladen Gliss Caffee Contor in Köln, sowie die Kaffee-Bar Gliss Caffee Cult in der Schlossstadt Bensberg. Seit einigen Jahren ist Michael Gliss auch mit seinem Caffee Contor auf der ITB, der weltgrößten Tourismusmesse in Berlin, am Stand von Nordrhein-Westfalen vertreten. Die Rotierenden Seiten wollten mehr über den ersten Kaffee-Sommelier in Deutschland wissen. Hier ist unser Interview:

Rotierende Seiten: Was bedeutet der Grad „Diplom Kaffee-Sommelier“ für Sie persönlich und wie wurde der in Wien erworbene Titel in Deutschland aufgenommen?

Michael Gliss: Der Sommelier ist seit über 100 Jahren eine alte Berufsbezeichnung, der sich am Hofe um die Korrespondenz zwischen Essen und Trinken kümmerte. Auf die Idee, die offizielle Berufsbezeichnung und das von der EU bestätigte Diplom in Wien zu erwerben, kam ich Ende der 90er Jahre. Ich bin Restaurantfachmann und meine Leidenschaft steckt schon seit Jahren im Weinanbau und der Beruf eines Sommeliers ist mir daher bestens bekannt. Natürlich gab es in den Anfangsjahren Verwirrungen, da in Deutschland diese Berufsbezeichnung nicht bekannt war. Heute gibt es viele Berufsbilder neben dem Wein-Sommelier, es gibt den Wasser-Sommelier und auch den Bier-Sommelier.

Rotierende Seiten: Heute geben Sie Ihr Wissen als erster Deutscher Kaffee-Sommelier in zahlreichen Seminaren weiter. Wünschen Sie sich, dass die Deutschen den Kaffee besser genießen lernen?

Michael Gliss: Kaffee ist nicht nur eine kleine ovale grüne Bohne. Der Kaffee hat über 1000 verschiedene Aromen und überrascht immer wieder im Geschmack. Seit über zehn Jahren vermitteln wir in Seminaren vor 10 bis über 100 Teilnehmern das Wissen über Anbau, Einkauf, Verfahren der Röstung bis hin zum richtigen Genuss. Im Dialog mit den Seminarteilnehmern wird die Geschichte des Kaffees zelebriert und wer möchte, kann das Kochen oder Backen mit Kaffee erlernen. Ich verstehe mich als Botschafter in Sachen Genuss und das steht bei mir im Geschäft wie in den Seminaren im Mittelpunkt.

Rotierende Seiten: Kaffee ist in Deutschland ein Grundnahrungsmittel und die großen Einkaufsketten handeln die besten Preise für die deutsche Bevölkerung heraus. Sie setzen auf einen anderen Trend, werben für Fairtrade und Slow Food, warum?

Michael Gliss: Kaffee wird größtenteils über die Marke verkauft. Wir, meine Frau und ich, gehen seit unserer Firmengründung einen anderen Weg. Wir kaufen den grünen Kaffee in den Anbaugebieten in Afrika, Asien und Lateinamerika selbst ein. Die Röstung erfolgt dann bei unserem Partner in Münsterland. Nur durch fairen Handel kann über Jahre das Geschäft langfristig aufgebaut werden. Es geht um Lebensmittel und um ihren natürlichen Anbau, nicht um Fast Food. Slow Food steht für natürliche Ressourcen, die Lebensbedingungen für die Menschen und ihre Produktionsabläufe im direkten Zusammenhang. Die Slow Food Maxime „Gut, Sauber und Fair“ ist auch unsere Maxime. Wenn Lebensmittel gerecht bezahlt werden, werden z.B. auch alte Kaffeesorten wieder ins Bewusstsein der Menschen zurückgeholt. Deshalb kostet bei uns der qualitativ hochwertige Kaffee oder unsere handgeschöpfte Schokolade etwas mehr als im Supermarkt.

Rotierende Seiten: Seit der Gründung Ihres Familienunternehmens verkaufen Sie nur Kaffee mit dem Gütesiegel Fairtrade und setzen sich somit für bessere Arbeitsbedingungen in Afrika, Asien und Lateinamerika ein. Engagieren Sie sich auch in Deutschland?

Michael Gliss: Seit 1992 vergibt der Verein TransFair das Gütesiegel Fairtrade mit dem Ziel, benachteiligte Produzentenfamilien in Afrika, Asien und Lateinamerika zu fördern und für einen fairen Handel zu sorgen. In den Entwicklungsländern leben über 25 Millionen Menschen, die von der Kaffeeernte leben. Mittlerweile haben das auch die großen Konzerne verstanden und bringen kleine Mengen Kaffee mit dem Gütesiegel Fairtrade in den Handel. Im Laufe der Jahre haben wir uns ein Image erarbeitet, wo unsere Kunden die Qualität und unseren fairen Handel schätzen. Darüber hinaus engagieren wir uns nicht nur für eine Nachhaltigkeit in den Ländern Asien, Afrika und Lateinamerika, sondern auch in Deutschland im Rotary-Club. Auch hier sind uns die Jugendlichen, die unschuldig in Not geratenen Bürger der Stadt Köln und die Obdachlosen wichtig. Aus Deutschland können wir ein Zeichen für soziales gesellschaftliches Engagement setzen und dafür stehe ich auch mit meiner Arbeit.

Rotierende Seiten: Empfinden Sie die deutsche Mentalität „Geiz ist Geil“ als störend? Was wünschen Sie sich für die Zukunft im Unternehmen und in der Familie?

Michael Gliss: Diese Mentalität gibt es nur in Deutschland und sie ist nach meiner Meinung, Gott sei Dank, auf dem absteigenden Ast. Mein Unternehmen bewegt sich im Lebensmittelbereich und hier kann es keine billigen Preise geben. Wertvolle und qualitativ hochwertige Produkte, egal in welchem Lebensmittelbereich, dürfen nicht über den Preis bestimmt werden. Zur Schärfung des Bewußtseins sollten wir mehr dafür auf die Straße gehen. Weniger ist manchmal mehr und damit auch nachhaltiger. Für mich und meine Familie wünsche ich mir nur etwas mehr Zeit.

Rotierende Seiten: Vielen Dank für das Gespräch.

von RR