Temperamentvoller Rotschopf: Tina Tandler berührt die Welt

Die Berliner Saxophonistin Tina Tandler gehört zu den bekanntesten Musikerinnen der Hauptstadt. Ihr neues Album CITY FLOWERS, das sie gemeinsam mit dem fabelhaften Pianisten Christoph Reuter komponiert und im Trio mit dem Schlagzeuger Thomas Rüdiger eingespielt hat, erscheint in diesen Tagen bei Tari Taro Music (TTM). Elf Saxophonsongs zwischen Jazz und Pop: kraftvoll und zärtlich, ausgelassen und manchmal melancholisch schön.

Verabredet man sich zum Interview mit einer Musikerin, die seit zwanzig Jahren im Geschäft ist, liegt die Frage nahe:

Wie schafft Frau es, in dieser Männerwelt zu bestehen und ihren Lebensunterhalt mit Musik zu verdienen?
Tina: 
Naja, so genau kann ich das eigentlich gar nicht sagen. Es war wohl eher so, dass eins zum anderen führte und sich nie die Frage stellte, ob ich etwas anderes tun sollte. Das ist insofern interessant, weil es nicht mein ausgesprochener Wunsch war, Musikerin zu werden. Irgendwie war es wohl meine Bestimmung und heute bin ich dankbar für diese Fügungen.

Für mich ist Musik etwas, was Menschen seither in allen Lebenssituationen begleitet hat, zu fröhlichen Festen ebenso wie zu traurigen Anlässen und neben all dem Erwerben von instrumentalen Fähigkeiten habe ich immer auch den Sinn dahinter im Auge gehabt. 
Musik soll Menschen erreichen und berühren. Ich will nicht jedem gefallen, aber es ist mir auch nicht egal, ob die Zuhörer mit meinen Tönen etwas anfangen können. 
In den 90ern hab ich mal ein Interview mit Joe Zawinul gelesen und er hat gesagt: „Die jungen Leute von den Hochschulen können alle gut spielen, aber sie haben vergessen, das Musik auch Unterhaltung sein muss. Deshalb geht es mit Jazz bergab.“
 Für mich – und auch wenn mich das pure Spielen glücklich macht – sehe ich es nicht nur als Selbstzweck. Ich möchte das Publikum mitnehmen, wenn ich meine eigene Musik spiele und über die künstlerische Selbstverwirklichung hinaus, darf Musik auch eine Aufgabe, eine Funktion haben. 
Ich bin nicht beleidigt, wenn mich nach dem Konzert jemand fragt, ob ich mir vorstellen könnte, auf seiner Hochzeit zu spielen oder auf dem Begräbnis seines Bruders. 
Ich habe meine ersten eigenen Stücke in der Werkhalle eines großen Pumpenherstellers zum Firmenjubiläum gespielt (lacht). Es war ein bewegender Moment für den Chef und seine Mannschaft und da hat unsere Musik genau den Nerv getroffen. 
Natürlich wurde später auch ausgelassen gefeiert und für all das habe ich Töne, Musik.

Was das Thema Männerwelt angeht, hab ich nie groß darüber nachgedacht. Es war eben so, das die Kollegen fast immer Männer waren, abgesehen von den singenden Kolleginnen. Klar ist es vorgekommen, das ich an einer Studiotür klingelte, jemand öffnete und sehr skeptisch meinte: „Was…, du bist das Saxophon?“ 
Dann hab ich versucht, einfach einen guten Job zu machen und meistens war es dann auch gut. Inzwischen ist es ja auch gar nicht mehr so selten, das man Frauen an Blasinstrumenten trifft und es gibt wirklich richtig Gute!

Du warst in diesem Jahr mit Roland Kaiser auf einer ausgedehnten Tournee. Wie war das?
Tina: 
Ich hatte im letzten Jahr schon einige Konzerte mit ihm und seiner Band gespielt und als es darum ging, in diesem Jahr eine Tour zu machen, wollten sie mich gern dabei haben. Ich habe ein bisschen überlegt, denn ich war bereits durch einige andere Sachen gebunden, aber es war langfristig genug, um sauber rauszukommen und die meisten Partner hatten auch Verständnis dafür, das ich gern mit Roland auf Tour gehen wollte. Man muss dazu sagen, dass es ein toller Job ist, den ich dort machen darf, denn ich bin nicht nur ein Teil der Bläsersektion, sondern hab ein paar richtig schöne Solos zu spielen.
Ich liebe das, was ich dort mache! 
Manchmal sagen die Leute: „Oh Gott, Schlager… Roland Kaiser… muss das sein…?“ Aber das ist eine sehr oberflächliche Sicht. Man muss es mal erlebt haben, dann erklärt es sich von selbst. Natürlich heißt das nicht, dass ich jetzt zu Hause Roland Kaiser CDs höre, aber live ist es ein tolles Erlebnis. 
Es gibt viele gute Songs, es groovt total ab, die Band ist Klasse und der Chef singt, dass ich manchmal eine Gänsehaut bekomme. Nicht umsonst ist jemand so lange erfolgreich in dieser sonst so kurzlebigen Musikwelt.

Du bist regelmäßig in Zingst an der Ostsee zu hören, wie kommt das?
Tina: 

Zingst ist ein bezaubernder Ort und liegt direkt am Meer. Ich betreue dort im Auftrag der Kur- und Tourismus GmbH eine beliebte Jazz- und Blues Konzertreihe. Wir sind sogar im Marco Polo Reiseführer Ostseeküste als Geheimtipp erwähnt.
 Im Sommer spielen wir auf dem urigen Museumshof vor einer reetgedeckten Scheune und im Winter sitzen wir im Kurhaus an der Seebrücke um den schönen Flügel herum. Vom Musikzimmer aus kannst du direkt aufs Meer sehen und für einen erlebnisreichen Abend sorgen wir. 
Ich bin dort mindestens einmal im Monat, im Sommer auch zweimal, spiele selbst Konzerte oder lade Künstler zum Spielen ein. 
An solchen Abenden fungiere ich als Gastgeberin, schaue, dass es meinen Gästen gut geht und in der Regel spielen wir auch ein paar Sachen zusammen. 
In diesem Genre ist es eine alte Tradition, dass man spontan zusammen spielt. Das macht so einen Abend zusätzlich spannend, für die Musiker genauso, wie für das Publikum, und sorgt dafür, dass es lebendig bleibt und nicht nur eben ein Programm abgespult wird.

Trotz der vielen Auftritte und Verpflichtungen hast du wieder ein Album mit eigenen Songs aufgenommen. CITY FLOWERS heißt es und ist überraschend fröhlich ausgefallen. Hat das einen bestimmten Grund?
Tina: 

Ja, um ehrlich zu sein, hatte ich zum Glück ein bisschen unterschätzt, was es bedeutet, neben all den Auftritten und Verpflichtungen ein handgespieltes Album aufzunehmen. Aber wir hatten in den letzten anderthalb Jahren genug Songs geschrieben, die Zeit war reif und wir hatten alle Lust darauf. 
Also haben wir Termine gemacht und gespielt. Dazu hatte ich noch einen befreundeten Gitarristen eingeladen, weil ich bei einem Songs unbedingt seine Gitarre dabei haben wollte. Wir haben uns dann zum Proben getroffen und am gleichen Nachmittag noch ein neues Stück zusammen geschrieben. Eine Woche später haben wir es mit der Band zusammen aufgenommen. So geht das manchmal. Unser Projekt füllt jetzt nicht die großen Hallen, aber wir haben eine kleine treue Fangemeinde, die unsere Musik liebt und mit denen wir sie teilen können. 
Es ist wirklich was ganz Besonderes, wenn du deine eigene Musik spielst und spürst, das sie einen anderen Menschen berührt.

Tatsächlich ist es so, das ich bei einigen Stücken ganz bewusst ein Thema und gleich einen Rhythmus dazu vorgegeben habe, weil Christoph und ich Experten auf dem Gebiet der Balladen sind. Balladen fallen uns ganz leicht. Wenn wir zusammen treffen, schwelgen wir ohne Verabredung sofort in lyrischen Wohlklängen. Das ist uns von Natur aus gegeben und auch gut so. Dadurch habe ich Vertrauen gelernt in spontane Improvisationen, aus denen man später Stücke bauen kann. 

Aber ich komme ja von der Rockmusik und bin in den 80ern mit Fusion Jazz aufgewachsen: Weather Report, Crusaders, Steps Ahead, David Sanborn, Grover Washington Jr. und so weiter. Vielleicht hört man das nun ein bisschen. 
Und außerdem wollte ich einfach auch mal was zum Tanzen auf meinem Album haben… (lacht). 
Nein, aber mal im Ernst. Die Wahrheit liegt sicherlich irgendwo dazwischen und es kommt immer ein bisschen darauf an, was ich gerade erlebt und zu erzählen habe. 
Kurz gesagt: Mit meinen Tönen kann ich die Welt berühr’n und die Wunder des Lebens beschreiben, für die es keine Worte gibt.

Das CD-Premierenkonzert CITY FLOWERS ist am Freitag, 
den 08. November 2013 im Französischen Dom am Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte. 
Karten gibt es an den Vorverkaufskassen. 

Wenn Sie mehr über den temperamentvollen Rotschopf mit dem starkem Hang zur fröhlichen Melancholie wissen möchten, besuchen Sie ihre Webseite: www.TinaTandler.de

Das Gespräch führte Loretta Degenhardt